Siedlerverein Eichkamp

Amore & Madness – Renaissancelieder und Barockgesang mit Sinje Kiel und Elly van Munster – Rückblick

Eigentum Sinje Kiel

Schon vor dem Konzert bemerkte eine Zuhörerin beim Lesen des Programmheftes: „Das wird aber sehr anspruchsvoll !“.

So waren die Erwartungen hochgeschraubt und auch der Titel des Konzerts „Amore & Madness“ war eine Vorwarnung an emotionale Stimmungen, die für die heutige Zeit nicht so ohne weiteres zugänglich sind. Aber es ging ja auch um barocke Lieder und Gesänge der Renaissance und zu dieser Welt des 17. Jahrhunderts haben wir eine große historische Distanz. Trotzdem weckt diese Epoche immer noch ein starkes Interesse und Neugier, wie damals Emotionen in der Kultur ausgedrückt wurden. Der Saal im Haus Eichkamp war voll besetzt und das Publikum als erfahrene Konzertbesucher an diesem Ort, war gespannt auf die Sopranistin Sinje Kiel und die Lautenistin Elly van Munster.

Das Programm des Duos bot einen Querschnitt von Stücken der „Seconda prattica“, einer neuen Kompositionsform zum Ende des 16. Jahrhunderts beim Übergang von der Renaissance zum Barock, bei der die menschliche Stimme und der Sprechgestus in den Vokalwerken und damit die Textverständlichkeit in den Vordergrund trat. Neben den Engländern Henry Purcell und John Dowland wurden als italienische Beispiele Claudio Monteverdi und Barbara Strozzi sowie weniger bekannte Komponisten vorgestellt.
Textlich boten die Stücke viele heute fremd und übertrieben klingende Wortschöpfungen, die das Begriffspaar Amore und Madness, also Liebe und Wahnsinn, umspielen: So war die Rede von „liebeskranker Melancholie“ (lovesick melancholy), „flammenden Augen, die Herzen versengen“ (flaming eyes … scorch up your hearts), „mein Herz zerbricht“ (my heart will break), „Liebesschmerz“ (love´s sickness), „fließt, meine Tränen“ (flow my tears), „süße Sehnsucht“ (dolce desio), „fiamma d´amore“ (Flamme der Liebe), „Sì dolce è il tormento che in seno mi sta“ (so süß ist die Qual in meiner Brust), um nur einige Beispiele zu nennen.

Das mag für heutige Ohren fremd, übertrieben oder auch kitschig klingen und müsste eine Musik wie ein heißes Bad hochgekochter Gefühle hervorbringen, die nur schwer zu ertragen ist. Aber im Gegenteil, der Barockgesang ist so artifiziell kultiviert, dass es zu keinem erregten Stimmbruch kommt, sondern eine kunstvoll artikulierende Stimme den Text in wunderbare Musik mit ganz eigenen Reizen verwandelt.
Sinje Kiel ist gerade darin eine Meisterin in diesem Fach der historischen Aufführungspraxis. Bei ihrer Interpretation setzt sie gesangliche Mittel ein, die auf einer intensiven Auseinandersetzung mit der überlieferten Komposition basieren. Das ist dann einfach ein wunderbarer Gesang und für das Publikum ein kostbares Hörerlebnis. Dabei ist ihre Bühnenpräsenz sehr präsent. Das Mienenspiel des Gesichtsausdrucks beim Singen begleitet und deutet den Text mit sparsamen aber deutlichen Gesten, ohne sich als Diva zu gerieren.

Die Lautenistin Elly van Munster spielte in dem Konzert das Rieseninstrument der Theorbe im Wechsel mit der kleinen Renaissance-Laute. Auch sie ist eine Expertin in der historischen Aufführungspraxis, die nicht nur als Begleiterin der Sängerin, sondern auch als Solistin auftrat. Der sanfte aber klare Klang dieser Instrumente hatte eine besondere Intensität.

Bild: Rüdiger Schneemann

Wie schon oft über die Eichkamp-Konzerte gesagt wurde, ist die Akustik des großen Saals im Haus Eichkamp hervorragend auch gerade für Kammerkonzerte geeignet. Der direkte Kontakt über die kurze Distanz zwischen Musikinterpreten und den Zuhörern hat zusätzlich einen eigenen Reiz.

Die beiden Musikerinnen aus den Niederlanden sind viel international unterwegs. Sinje Kiel ist im Eichkamp aufgewachsen, so dass das Konzert auch ein Heimspiel und Wiedersehen mit Freunden war. Begeisterter Applaus kam dann von allen Zuhörern. Die Familie Kiel aus dem Lärchenweg verwöhnte wie schon bei vorigen Konzerten ihrer Tochter die Nachbarn und andere Konzertbesucher mit köstlichem Fingerfood – dafür herzlichen Dank!

Ewald Schürmann